All unsere besonderen Erlebnisse, magischen Momente und einzigartigen Begegnungen wollen wir hier festhalten.
Reiseblog

Divemaster Training: Unterwasser hört dich niemand lachen und ein Hilfeschrei aus der Tiefe

Meine Faszination des Tauchens reicht mehr als mein halbes Leben zurück, angefangen mit meinem ersten Bubblemaker-Zertifikat auf Elba und Discover Scuba Dive mit Katja auf Korsika bis zu meinem Open Water Tauchkurs auf Koh Phi Phi vor mehr als 10 Jahren, wo ich folgende Zeilen in mein Reisetagebuch geschrieben habe:

„Jeder der in das Weltall fliegen will sollte mal getaucht haben! Zusätzlich zur Schwerelosigkeit, künstlicher Atemluft und High-Tech Ausrüstung gibt’s definitiv auch mehr zu sehen als auf dem Mond. Wozu nach außerirdischem Leben suchen, wenn sich eine ursprünglich unzugängliche Unterwasserwelt in nur wenigen Meter Tiefe erstreckt… Man war mit der Vielfalt an Riffbewohnern echt überfordert, überall wuselte es von Leben unterschiedlichster Art und Form: Korallen, Garnelen, Haie, Schildkröten, Krebse, Oktopus, Seeschlangen und natürlich Fische aller Formen und Farben, was für eine unglaublich vielfältige und zugleich fremde Welt, ich kann es kaum erwarten mich wieder in den Rausch der Tiefe zu stürzen…“

Vor einem Jahr hatte ich das Glück wieder meiner größen Leidenschaft nachzuschwimmen und in meinem einmonatigen Divemaster Kurs im karibischen Meer vor Yucatan das zweitgrößte Korallenriff der Erde zu bestaunen. Es hat etwas gedauert bis ich mit der Cozumel Dive School die passende Tauchschule gefunden habe und auch wenn ich noch ab und an Probleme mit meinem frisch verheilten Trommelfell hatte, nirgends bin ich so fokussiert und im Flow wie beim Abtauchen.

Tauchen stellt alles auf den Kopf, die Erdanziehung, die körperliche Wahrnehmung, die Akustik, die Atmung, die Umwelt, der Tiefenrauch, die Gaszusammensetzung im Körper und selbst die Menschen an sich. In einem meiner Assistenzübungen für die angehende Open Water Taucher waren eine junge Anfang 20 Jährige Spanierin und ein doppelt so alter US-Rocker unsere Schüler. Während die Spanierin offensichtlich Respekt vor dem Medium Wasser verspürte, scherzte der tätowierte Haudegen mit seinem Kumpel, der ein erfahrener Taucher ist rum, wann es denn endlich ans Eingemachte im Meer gehe. Natürlich müssen wir erst die Übungen im 1,5 m tiefen Pool durchführen, aus gutem Grund: Kaum 10 cm unter Wasser springt der harter Knochen aus dem Wasser und reißt sich seine Maske und Atemgeräte vom Gesicht. Panik steht in seinen Augen. Er bekomme nicht richtig Luft, etwas passt nicht mit der Brille, irgendetwas muss nicht stimmen, sonst müsste er sich ja eingestehen, dass er Angst vor dem ungewohntem Atmen unter Wasser hat. Ich schwebe ich mit der anfangs ängstlichen Spanierin in dem engen Pool über dem Boden, die mittlerweile freudig Luftblasen prustet, während 1 m über uns ein harter Kerl im Nichtschwimmerbecken an seine Grenzen gerät.  Zum Glück hört mich Unterwasser niemanden lachen…
Nach 2 Tagen gleiten wir mit der Spanierin durch die Korallengärten, die mit großen Augen zum 1. Mal das ihr völlig unbekannte Unterwasserleben entdeckt. Der Rocker hingegen ist nie über die Poolübung hinausgekommen, eine Welt in der er Schwäche zeigen müsste, die gibt es nicht für ihn und so bleibt uns allen letztendlich weitere Peinlichkeiten erspart. Ich möchte hier anmerken, dass ich höchsten Respekt davor habe, wenn jemand, ohne sich vorher aufzuspielen, seinen Ängsten entgegentritt und seine Grenzen erkennt, diese zu überwinden ist jedoch die wahre Herausforderung. Davon kann Katja ein Lied singen. Diese ist im Übrigen endlich wieder bei mir und taucht mittlerweile wie ein wahrer Yogi mit der Erleuchtung aus 3 Wochen Yoga-Teacher-Training neben mir her. Es ist eines der schönsten Momente auf unserer Reise diese Erlebnisse mit ihr teilen zu können.

Das Korallenriff von Cozumel streckt sich entlang der ruhigeren Westseite, wo nur die bis zu 7 an der Zahl aufkreuzenden Kreuzfahrtschiffe die Tauchidylle stören. Auf dem Meer hat man zum Glück die bezaubernde Unterwasserwelt für sich, Kreuzfahrturlauber sind ja offensichtlich wenig interessiert an aufregender Umgebung und die Anwesenheit von Haien sorgt dazu für genügend Abschreckung. Man lässt sich dann lieber in eines der zwei! Delfinarien auf Cozumel kutschieren um mit eingesperrten Delfinen Selfies zu schießen, a lifetime experience of stupidity…!

Derweil muss man mit dem kontinuierlichem Strom von Süd nach Norden zwischen Festland und Cozumel noch nicht einmal schwimmen und kann man sich wie in einem riesigem Aquarium über die schönsten Korallenformationen und Unterwassergärten treiben lassen und zurücklehnen. Aufgrund des Naturschutzgebietes und der offensichtlich nährstoffreichen Strömung begegnet man in den Riffen zwischen haushohen Korallenformationen die größten und zahlreichsten Exemplare an zackigen Barrakudas, bunten Papageienfischen, dahingleitenden Schildkröten, riesigen Groupern, neugierigen Nurse-Sharks, beängstigenden Moränen, teuren Lobster, cleveren Tintenfischen und Monster-Krebsen, die mir bisher vor die Tauchermasker geschwommen sind. Ein fantastisches Naturspektakel! Und wenn man zwischendrin einen Kick braucht kann man sich immer noch beim Wracktauchen durch den engen verrosteten Maschinenraum bugsieren oder bei Nachttauchgängen die pechschwarze gruselige Unterwasserwelt mit dem Lichtschein seiner Taschenlampe erkunden. Davon nicht genug kann man auf dem Festland in Senklöchern, den Cenoten, bei klarstem Wasser einzigartige physikalischen Spektakel bewundern. Wie den Halocline, dem Brechungsunterschied wenn Süß- auf Salzwasser trifft, der einem den Eindruck vermittelt durch Luft zu schwimmen, stinkende Schwefelgaswolken, die einen Verschlucken (siehe Videos), durch einen alten, nicht verrotenden Unterwasserwald hindurchschweben, in einer riesigen Unterwasserhöhle das Gefühl der Unendlichkeit des Weltalls zu spüren und Sonnenstralen, die wie in einer Lasershow das Wasser bis zum Grund zum Leuchten brint.

Heute ein Jahr später zurück in Berlin erinnere ich mich freudestrahlend an all die schönen Erlebnisse meiner über 100 Tauchgänge in die sich leider auch Traurigkeit mischt. Es ist die Zeit der Klimademos, wo ein paar tausende Demonstranten von Extinction Rebellion und die junge Generation Schüler von Fridays for Future aufstehen und probieren dem Rest der Republik auf unser aller fahrlässig umweltschädigendes Verhalten aufmerksam zu machen. Gleichzeitig erwarten wir noch in diesem Jahr eine Tochter und wir freuen uns sehr darauf ihr unsere fantastische Welt zu zeigen oder was davon noch übrig bleibt…

Das Ziel des Pariser Klimaabkommen 1,5°C Temperaturanstieg nicht zu überschreiten ist mit dem aktuell verabscheideten Klimaschutzprogramm der Regierung nicht zu schaffen, mal wieder. Und selbst, wenn die Menschheit entgegen derzeitiger Prognosen es noch schafft dieses Minimalziel zu erreichen und die Erde sich nicht in einen unbewohnbaren Wüstenplanten verwandelt, die Korallenriffe, die Regenwälder der Unterwasserwelt, die 400.000 bis 1 Millionen Arten beherbergen, von denen gerade mal 60.000 bekannt sind und gleichzeitig nur 0,1% der Meeresoberfläche bedecken, Sie werden als Kollateralschaden unserer ignoranten Lebensweise es aller Voraussicht nach nicht überleben. Selbst bei 1,5 Grad werden nach Schätzungen 89% der Korallen absterben, bei 2°C 98% mit ungeahnten Folgen für die Natur, für Tiere und letztendendes für uns Menschen. Und während wir noch diskutieren, ob es denn den Klimawandel denn wirklich gibt, stirbt in Australien bereits 2/3 des Great Barrier Reefs ab… wo gleichzeitig daneben der größte Kohlehafen der Welt ausgebaggert wird. Mehr Zynismus ist kaum möglich.

Und wozu das Ganze? Damit wir bequem jeden Tag auf die Arbeit fahren, die uns noch nicht mal erfüllt, Helikoptereltern ihre Kinder in völlig überzüchteten Fahrzeugen zur Schule kutschieren, Regenwald dem unsäglichen Tierleiden unserer Fleischindustrie weichen muss, wir in gekühlten Stadien Sportveranstaltungen in der Wüste abhalten können und die Firmen und Nationen ihre Gier nach Gewinn und Öl stillen können und eine privilegierte Schicht um die Welt reisen kann. Ja, wir haben auch unseren Fußabdruck zu der Miesere beigetragen. Solange jedoch klimaschädliche Fortbewegungsmittel die günstigsten Optionen sind zu reisen und nicht die Kosten für die Allgemeinheit (die 97%, die sich das Fliegen nicht leisten können) mit eingerechnet werden, wird sich daran wohl auch nie was ändern. Denn unser Kapital-fahrlässiges Wirtschaftssystem und maßloses Konsumverhalten hat uns von einer ökologisch geleiteten Gesellschaft zu einem ökonomisch handelnden Egoisten verkommen lassen. Wir sind bis zum Abgrund gekommen, aber noch sind wir nicht in unser Verderben gesprungen! Letztendlich kommt es doch nur auf die Rechnung an die auf den Tisch kommt, in Zukunft den wahren Preis unseres Lebensstandard bitte miteingerechnet! Und um das Ganze noch Schlimmer zu machen, es gäbe ja Alternativen, wir könnten es schaffen unsere CO2-Sucht gegen klimaneutrale Technologien loszuwerden. Das wird früher oder später geschehen und gewaltige Änderungen mit sich bringen, aber lieber jetzt einen kalten Entzug mit Aussicht auf Genesung als lebenslanges Methadonprogramm mit unvorhersehbaren Langzeitfolgen!

Ich bin bereit dazu alle Konsequenzen mitzutragen und nicht mehr länger im Hamsterrad des Immer-Weiter-so mitzuspielen, aber es muss ein gesellschaftlicher und politischer Wandel geschehen und endlich mal über das diskutiert wird was uns die Demonstranten und Wissenschaftler seit Jahren sagen wollen: Bis hierhin und nicht weiter, es ist genug Schaden angerichtet! Wir sind die letzte Generation die das Steuer noch rumreißen können. Alle Kritiker und Ignoranten können sich ja schonmal ausmalen, wie Sie einmal ihren Kindern und Enkeln Rede und Antwort stehen werden, Nichts unternommen zu haben, als es noch nicht zu spät war um die Katastrophe aufzuhalten. Die Geschichte wiederholt sich und sollte uns doch Mut geben, dass radikaler Wandel, den unsere Großeltern noch durchlebt haben möglich ist und Nichts von Dauer ist!

Lasst uns das genießen was wir (noch) haben, bevor wir es später einmal das schmerzlich vermissen, was wir eingetauscht haben gegen Nichts als heiße stinkende Luft. Es ist Zeit den Fokus auf das zu richten was wirklich wichtig ist und das kann für jeden nur der Erhalt unserer Erde sein, für uns Menschen, Tiere, Pflanzen und Alles was diesen Planeten so besonders macht. Und ganz nebenbei entdecken wir vielleicht das wir all den Krempel und Status gar nicht brauchen und stellen fest der größte Luxus ist Zeit zum Leben, Zeit die in Zukunft immer knapper wird.
Diese Unterwasseraufnahmen sind festgehalten für meine und deine zukünftigen Enkel, die wohl leider nie mehr das Glück haben werden das für mich schönste, bunteste und vielfältigste Universum unserer Erde mit eigenen Augen sehen zu können, was mich unglaublich traurig macht:

Cenote Tauchgang Angelita: Sprung ins Nass
Abtauchen in die Schwefelgaswolke – 1. Person
Abtauchen in die Schwefelgaswolke – 3. Person
Tauchen durch Unterwasserwald in Cenote Angelita
Cenote Angelita: Es geht hinab

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